Rückblicke

Königs Moment (2016)

von Jan Neumann

Ein Königsmoment ist ein Moment, den man nicht erklären kann. – Nachts auf der Autobahn. Herr König hat sich in Gedanken verloren. Für einen kurzen Moment entgleitet ihm die Kontrolle über das Auto. „Millisekundenbruchteile. Zeit die sich verlangsamt. Die zum Punkt schrumpft, in dem alles enthalten ist.“ Vielleicht der Bericht über den Urknall, der gerade im Radio läuft, vielleicht der Tod, dem er in diesem Moment ganz nahe kommt – irgendetwas lässt Herrn König für einen kurzen Augenblick mit anderen Augen auf die Verzweigungen, die sein Leben genommen hat, blicken: auf seine im Alltag erstarrte Ehe, auf sein früh gestorbenes Kind, überhaupt auf die Verluste und auf das, was sich dennoch auf der Habenseite angesammelt hat. Und er begegnet nochmals den wichtigen Menschen seines Lebens … – Ein Königsmoment ist ein Moment, in dem man alles versteht, findet Herr König.

Premierenkritik "Königs Moment"

KN-Premierenkritik von „Königs Moment“ (19. September 2016)


Hotel Disparu (2014)

von Rebekka Kricheldorf

pl_hotel-disparu_400

Der Schauplatz, ein kleines herunter gekommenes Hotel, das merkwürdig aus Zeit und Raum gefallen zu sein scheint. Im Foyer, gleichzeitig auch die Bar, treffen sieben Gäste aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwei ungleiche Schwestern, die eine schlaflos und abweisend, die andere seit dem mutmaßlichen Freitod des Bruders von Todessehnsucht und morbiden Gedanken geplagt, versuchen diesen Schicksalsschlag im Hotel zu überwinden. Eine trinkfreudige, lebenslustige Witwe, die sich nach dem Ableben ihres Gatten von seinem großzügigen Erbe einen genussreichen Lebensabend in der Karibik erhofft – im Weg steht ihr dabei nur ihre überehrgeizige und hysterische Tochter, die ebenfalls einen Anspruch auf das Erbe erhebt, weil sie sich angeblich selbständig machen will. Wie aus dem Nichts erscheint zudem immer wieder ein Mann, der zunächst wie ein sorgloser Pauschaltourist wirkt, unter dessen Fassade sich jedoch ein trauriger und wütender Kern verbirgt. Und dann ist da noch die Frau- oder sind es verschiedene Frauen?- die offensichtlich über sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen verfügt. Sie alle sind Getriebene und Gestrandete an diesem eigenartigen Ort.

Über dieser magisch-unheimlichen Szenerie wacht ein scheinbar allwissender Portier und Barkeeper, der alle Fäden in der Hand hält. Er arrangiert und kommentiert die Begegnungen der illustren Gäste, schenkt ihnen immer wieder kräftig ein und gibt bedeutsame Lebensweisheiten von sich. „Ist man da, passiert nichts. Kaum ist am weg, hat man alles verpasst.“

Zum lebenden Inventar der Hotelbar gehört noch ein musikalisches Duo, bestehend aus einer Sängerin und einem Bassisten, das die Szenerie klanglich illustriert und kommentiert.

Was wird aus dieser bizarren Gemeinschaft? Haben die hilflosen Kontaktversuche endlich einmal Erfolg? Sind sie alle etwa für immer verschollen in diesem verschwundenen Hotel oder gibt es tatsächlich individuelle Wege hinaus ins Leben?

Die Zuschauer erwartet ein außergewöhnlicher Theaterabend, der auf unterhaltsame Art und Weise die Sehnsucht nach Kommunikation und die Kontakt, aber auch den Wunsch nach Abtauchen und Verschwinden thematisiert. Das Stück besticht durch schnelle und irr-witzige Dialoge und immer wieder überraschende Wendungen der Handlung. Die tragisch-komische Stimmung wird intensiv getragen und verstärkt von der wunderbaren Musik des Duos „Susan feel good“.

 

Premierenkritik "Hotel Disparu"

Premierenkritik „Hotel Disparu“ (KN, 22.09.2014)

 


 

Endstation Pasta (2014)

von Jean-Michel Räber

endstation_pasta

Arthur, ein ehemaliger Haarwasserverkäufer, kocht „Spaghetti Bolognese“ für Helga. Ein verführerischer Duft genügt – und schon flüstert er in Paris einer zauberhaften Französin betörende Worte ins Ohr. Ein Küchenmesser versetzt ihn in die Mafiahöhle Chicagos, ein Stück höhlengereifter Emmentaler Käse entführt ihn in den Gotthard-Tunnel, und kalt gepresstes Olivenöl weist ihm den direkten Weg in den Vatikan. Von schlechten Köchinnen verfolgt, sieht die Endstation Pasta für Arthur eher verkocht und klebrig aus, als wie geplant al dente. Aber das spielt dann eigentlich auch schon keine Rolle mehr. Helga hat ihn ohnehin versetzt und die Bauchrednerpuppe Gino wird’s sowieso nicht merken. Nur eine Person verkörpert all diese Charaktere. In stark parodistischer Weise folgt dicht an dicht ein kulinarischer Persönlichkeitswechsel nach dem anderen.

„Räber hat ein unterhaltendes, witziges Stück geschaffen, das in seiner Erzählweise dicht ist. Da jagt eine Szene die andere, und dem Publikum werden nur kurze Verschnaufpausen gegönnt. Ein Stück, das nicht den Anspruch erhebt, auf die großen Probleme der Welt einzugehen, sondern für einmal luftig-leicht darüber hinwegschlendert, nicht ohne dem Ganzen eine Prise Zynismus beizumischen.“ (Zuger Zeitung, 11.11.94)
„Die Mittel sind denkbar einfach: ein witziger Text und Situationskomik bis hin zum puren Slapstick, vor allem aber Tempo. […] Das Publikum bekommt streckenweise den Mund nicht mehr zu, fast ununterbrochen sind leise Kicher-Geräusche oder entsetztes Aufstöhnen zu hören. Denn neben aller Wort- und Körperakrobatik wird in dieser Bühnen-Küche tatsächlich gekocht – mit einer gewissen Nonchalance, was Mengen und exotische Zutaten betrifft.“ (Leipziger Volkszeitung, 23.04.01)

 

Premierenkritik "Endstation Pasta"

Premierenkritik „Endstation Pasta“

 


 

Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner (2012)

von Ingrid Lausund

Plakat Benefiz

Fünf engagierte und motivierte Menschen proben einen Wohltätigkeitsabend für eine Schule in Afrika. Doch was so gut gemeint ist und unbedingt die Spendenbereitschaft des künftigen Publikums anregen soll, erweist sich bei näherer Betrachtung als ziemlich glattes Parkett. Kann man eine schwarze Freundin an diesem Abend beteiligen und ist ihre Mitwirkung diskriminierend oder doch eher ihr Ausschluss, darf man den potentiellen Spendern ein schlechtes Gewissen machen und ist die Patenschaft für ein Mädchen wichtiger als die für einen Jungen?

Die Fallstricke der political correctness scheinen überall gespannt zu sein. Bei ihren Versuchen alles richtig zu machen, geraten sich die wohlmeinenden Protagonisten zunehmend in die Haare. Die Situation wird von Minute zu Minute skurriler, denn nun kommen die persönlichen Eitelkeiten der fünf Benifiz-Akteure ins Spiel und die Frage, wer an welcher Stelle weinen darf, ist auch noch nicht geklärt. Und wer hat eigentlich diese grauenhafte Papppalme mitgebracht? So verheddern sie sich heillos in Pauschalisierungen und Vorurteilen und wollten doch genau diese vermeiden.

Bei dem krampfhaften Bemühen ganz locker und professionell zu bleiben, bemerken die tapferen Kämpfer für das Gute die unfreiwillige Komik, in die sie längst geraten sind, natürlich nicht.

Es entwickelt sich ein wunderbar komischer Theaterabend, der ständig neue und schräge Blickwinkel auf ein bewegendes Thema eröffnet, dabei die fünf Protagonisten und die „gute Sache“ aber nie verrät. Am Ende kommt ohnehin alles ganz anders als erwartet.

 

Premierenkritik "Benefiz"

Premierenkritik „Benefiz“


 

Indien (2010)

von Josef Hader und Alfred Dorfer

pl_indien_400

Der tragikomische Klassiker zählt zum Feinsten, was die Theaterlandschaft im Kabarettbereich zu bieten hat. Zwei schrullige Gastronomietester auf Dienstreise in der Provinz. Bösel, der derbe, Bier trinkende Schnitzeltester und Fellner, ein pseudointellektueller, von fernöstlicher Mystik bewegter Streber, der für die Beurteilung der gastronomischen Hardware zuständig ist, treffen aufeinander und können sich nicht ausweichen.

Der Kontrast zwischen diesen beiden einsamen Männern könnte größer nicht sein. Sie reden und schweigen, reiben sich aneinander und ereifern sich über die wichtigen Dinge des Lebens, über Liebeskummer, Leberwurstbrot, frustrierende Telefongespräche, Männersorgen, Hotelduschen, aus denen kaum Wasser kommt und warum in Indien so Vieles anders ist. Was mit Sticheleien und trotziger Feindschaft begann, wird im Laufe dieser kammertheatralischen Groteske zu tiefer, echter Freundschaft, die am Ende selbst dem Tod standhält.

Das Thalamus Theater zeigt in seiner neuen Inszenierung die urkomischen und zutiefst bewegenden Seiten eines absonderlichen Männerduos und lässt uns ahnen, dass das Leben so völlig anders sein kann, als wir manchmal glauben. „Indien“ erzählt die Geschichte einer fast schon zärtlichen Männerfreundschaft, genauso melancholisch wie schonungslos provokativ.

Ein Stück zum Tränen lachen und Weinen.

Premierenkritik "Indien"

KN Premierenkritik von „Indien“ (29. November 2010)

 


 

Die sieben Tage des Simon Labrosse (2009)

von Carole Fréchette

simonlabrosse

Was stellt man sich unter einem Gefühls- Stuntman vor oder unter einem Gewissenserleichterer? Die neue Produktion des Thalamus Theaters gibt überraschende Antworten auf diese und weitere wichtige Fragen.

Der Held des Stücks, das arbeitslose Stehaufmännchen Simon Labrosse, will sich mit derartigen und anderen kreativ-originellen Dienstleistungsangeboten unbedingt wieder ins aktive Leben eingliedern. Wenn Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat, dann müsste es doch möglich sein, in der gleichen Zeit den idealen Job zu erfinden! Mit seinen „Superideen“ trifft Simon die geheimen Wünsche und Defizite seiner potentiellen Kunden aber vielleicht zu gut, denn die Geschäfte wollen nicht so recht in Gang kommen. Doch das wirft den unverwüstlichen Optimisten nicht aus der Bahn, er mietet ein Theater und spielt gemeinsam mit seinen Kumpanen Nathalie und Leo sieben Tage aus seinem turbulenten Leben. „Wenn einer nichts mehr hat, kann er immer noch sein Leben erzählen.“ „Gestatten, Simon Labrosse, Leerefüller.“

In dem Stück der viel gespielten kanadischen Dramatikerin Carole Fréchette geht es nur vordergründig um das Thema Arbeitslosigkeit. In dieser „Lebensrevue“ eines modernen Sisyphos, wird die Frage nach Erfolg oder Misserfolg im menschlichen Leben erneut sehr eigenwillig und erhellend beleuchtet. Die Zuschauer erwartet also kein mahnendes Sozialdrama, sondern eine tragikomische Farce, manchmal schrill und absurd, dann aber auch wieder leise und poetisch.

Premierenkritik "Die sieben Tage des Simon Labrosse"

Vorbericht von „Die sieben Tage des Simon Labrosse“ (KN, 30. September 2009)

 


 

Bandscheibenvorfall (2008)

von Ingrid Lausund

bandscheibenv

Die Profilierungsscharmützel wechseln sich mit zarten Momenten vorsichtiger Annäherung ab und auch spontane Glücksschübe müssen heil überstanden werden. Die Sehnsucht nach Solidarität ist mit den Händen zu greifen. Aber im Karrierekampf kann man sich keine Sentimentalitäten erlauben.

Das Kieler Thalamus Theater hat bereits 2004 mit einer Inszenierung von Lausunds „Hysterikon“ das Publikum begeistert. Mit „Bandscheibenvorfall“ zeigt es nun seine Version des Erfolgsstücks der Autorin, das am Hamburger Schauspielhaus ein wahrer Dauerbrenner und „echt Kult“ war.

Ingrid Lausund muss die erbarmungslosen und gleichzeitig erbarmungswürdigen Kämpfer nur ein wenig überzeichnen, um die ganze Absurdität ihrer Situation zu zeigen. Die rührenden Versuche der fünf Protagonisten, trotz der unvermeidlichen Haltungsschäden doch noch einen aufrechten Gang zu bewahren, dürften uns bekannt vorkommen.

Das Publikum erwartet eine wunderbare Farce, die auch noch dem Bitterbösen die komischsten Seiten abgewinnt.

 

Premierenkritik "Bandscheibenvorfall"

Premierenkritik „Bandscheibenvorfall“


 

Dreier (2006)

von Jens Roselt

 dreier

Der junge Autor Jens Roselt hat einen pointenreichen Text, gewürzt mit schwarzem Humor, vorgelegt, der lustvoll mit der Verdrehung von Realität und Illusion spielt. Seit der Uraufführung am Staatstheater Stuttgart 2002 wird „Dreier“ erfolgreich an vielen deutschen Bühnen aufgeführt.

Die neueste Inszenierung des Thalamus Theaters changiert zwischen bitter-ironischer Farce, Lustspiel und Drama. Aber sie setzt nicht nur auf die schnellen Wortgefechte, sondern nimmt ihre Figuren ernst und lässt immer wieder auch die verletzlichen Seiten dieser eitlen Großstadt-Zyniker hervorblitzen. Die Liebe, von der zum Schluss dann plötzlich doch die Rede ist, taucht auf als Fata Morgana eines Rettungsankers. Ob sie den Taumelnden noch Halt bieten kann?

Das Publikum erwartet ein spannendes, kompaktes Stück voll von schneidend scharfen Dialogen und überraschenden Wendungen.

Premierenkritik "Dreier"

Vorbericht von „Dreier“ (KN, 10. Februar 2006)


Hysterikon (2004)

von Ingrid Lausund

hysterikon

Haben Sie sich schon einmal gefragt ob es ein geheimes Konto gibt, wo all Ihre verpassten Gelegenheiten zu Buche schlagen? Ob Sie nicht letztlich doch immer mehr bezahlen, als Sie bekommen? Und warum es die wirklich wichtigen Dinge des Lebens eigentlich nicht zu kaufen gibt?
Herzlich willkommen in der wunderbaren Welt des Supermarktes.

Herzlich willkommen bei: HYSTERIKON

Das Thalamus- Theater inszeniert mit seiner neuesten Produktion ein Panoptikum der schrillen, gescheiterten, schüchternen und der gut-gläubigen Konsumenten. Skurril, komisch, weise und voller kurioser Zwischenfälle erscheint die Welt als Supermarkt, in dem das Selbstbedienungsprinzip zur Selbsterhaltungsfrage wird. Der modernen Mensch, eingeklemmt zwischen permanentem Entscheidungszwang und aufreibender Schnäppchenjagd. Was die Dinge kosten weiß man, was sie wert sind weiß man oft erst wenn sie nicht mehr da sind. Und wer bei der „Bückware“ den Sinn des Lebens sucht, wird ihn bei HYSTERIKON vielleicht sogar finden …….

GREIFEN SIE ZU!!! Abgerechnet wird später.

Premierenkritik "Hysterikon"

KN Premierenkritik von „Hysterikon“ (2. Februar 2004)


Nature and Friends (2003/2004)

von Oliver Bukowski

nature

Für den TV Talker Werner Takgesell ist bisher alles prächtig gelaufen: Ein beruflicher Erfolg nach dem anderen, ein gut gefülltes Konto, eine tolle Frau und schicke Freunde: „Liebes es kommt im Leben immer darauf an, auf der Seite des Schreibtisches zu sitzen, wo die Schubladen aufgehen!“
Doch was tun, wenn plötzlich alles ins Rutschen gerät? Erst hat ihn seine Frau von einem sexuellen Experiment zum nächsten getrieben und jetzt ist sie mit einem anderen auf und davon. Dafür steht plötzlich die Nachbarin in Morgenmantel in seiner Wohnung und will nicht mehr gehen. Auch die schicken Freunde sind ganz anders als gedacht. Eine wilde Verfolgungsjagd durch das Gebirge beginnt und Werners Leben wird über Nacht zur emotionalen Achterbahn.
„Wann hat das alles angefangen, wann?“ „Ich glaube bei 80000 netto im Jahr!“
Überraschende Dialoge und eine Handlung, die immer absurdere Höhepunkte ansteuert, zeichnen diese Inszenierung aus.
Bei Nature and Friends handelt es sich um eine temporeiche, schrille Komödie von Oliver Bukowski gewürzt mit einer großen Portion schwarzen Humores.

Premierenkritik "Nature and friends"

KN Premierenkritik von „Nature and friends“ (16. September 2002)


 

Herzjucken (2001)

nach Scazzo Pazzo von Vottorio Franceschi

herzjucken

Valerio sucht eine Frau. Antonio ist nach einem Unfall wieder zum Kind geworden und wird von Valerio umsorgt. Dieser spielt für ihn abwechselnd Mama und Papa, manchmal ist er auch der Bruder.
In diese merkwürdige, tragikomische Welt tritt Marianna auf der Suche nach einem Ehemann. Die verrückte Situation wird immer verrückter.
Die Sehnsüchte dreier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, treffen aufeinander und stiften Verwirrung in den Köpfen und in den Herzen. Es geht um die Sehnsucht nach der Frau, dem Mann; der Kindheit und vor allem nach dem, was es nicht gibt. Genau das geht Marianna am Ende suchen, doch auch für die beiden Brüder wird nichts so bleiben wie es war.

Vittorio Franceschi, ein früher Weggefährte von Dario Fo, schrieb dieses mit vielen Preisen versehene und in zahlreiche Sprachen übersetzte Stück 89/90 als Tragikomödie zwischen „dem Pessimismus des Wirklichen und der belebenden Süße der Träume.“

Premierenkritik "Herzjucken"

KN Premierenkritik von „Herzjucken“ (8. Mai 2001)


 

Dossier Akkermann (1999/2000)

von Suzanne van Lohuizen

akkermann

Das Stück beschreibt die ungewöhnliche Beziehung zwischen einer Krankenschwester und einem aidskranken Journalisten. Sie wollte doch nur absolut professionell sein, eine moderne Florence Nightingale und er lehnt sie ab, will auf keinen Fall fremde Hilfe benötigen. Doch der drohende Tod lässt sie in Räume der Seele vordringen, die sich ihnen sonst wohl kaum geöffnet hätten. Fast unbemerkt geraten sie in eine Liebesgeschichte, die beide nicht zugeben können. Nach seinem Tod kreisen ihre Gedanken nur noch um ihn, bis er für sie auf wundersame Weise noch einmal zurückkehrt und sie sich endlich das sagen können, was vorher unaussprechlich war. Ein erbitterter Kampf beginnt, eine schonungslose gegenseitige Abrechnung bis sie allmählich beginnen einander zu finden. Er fragt sie: „Nachtigall, was war das Schlimmste?“ und Sie antwortet: „Das Schlimmste war, dass ich anfing Dich zu lieben.“

Dossier Akkermann ist ein zeitgenössisches Theater im besten Sinne, gradlinig analytisch und ohne Angst vor großen Gefühlen. Ein Stück, das seine überraschend hoffnungsvolle Botschaft aus der großen Kraft der Liebe an völlig unerwarteten Orten gewinnt.

Premierenkritik "Dossier Akkermann"

Vorbericht von „Dossier Akkermann“ (22. Oktober 1999)


 

Bis Denver (1998)

von Oliver Bukowski

bisdenver

Ein Krimi? Eine Komödie? Eine Tragödie? Ein Bildungsstück? „Bis Denver“ ist nichts von alledem und alles zugleich!
Zwei schräge und gleichzeitig liebenswerte, ewige Verlierer wollen sich endlich „auch ein großes Stück vom Kuchen abschneiden“.

Der Bademeister Horst Paschke und der Kohlenschipper Lothar Ackermann versuchen auf rührend einfältige Weise den in seiner widerlichen Arroganz nicht zu überbietenden Ethik Professor Terre und dessen Gattin zu erpressen. Trotz intensivsten Bemühens um Cleverness und Gerissenheit, trotz aller Anleihen bei den „Helden“ der Medien verläuft ihr ultimativer Coup anders als erwartet. Zu groß sind ihre Herzen und zu weich die Ellenbogen. Eine Parabel vom Überleben der Liebe in den Zeiten des Existenzkampfes. Die rauhe aber unendlich herzliche Beziehung zwischen Horst und Lothi steht in einem abgrundtiefen Kontrast zur glatten Fassade des Professoren Ehepaars, hinter der Unterdrückung, Haß und Angst lauern. Die von reichlich Dosenbier beflügelten philosophischen Ausführungen der beiden „Möchtegern – Erpresser“ fördern in ihrer verdrehten, unglaublich komischen Art erstaunliche Weisheiten zu Tage.

Der schon zweimal zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürte Autor Oliver Bukowski erzählt Geschichten von tiefer Wahrhaftigkeit. Er nennt seine Stücke „Hardcorschwänke“ oder „Trivialkomödien mit heraustrennbarer Experimentiervorlage“, denn ihn verbindet mit dem skurrilen britischen Humor sehr viel mehr als mit dem arroganten Anspruch des Theaters,“dem Publikum da unten zu erklären, wie die Welt funktioniert“.

Premierenkritik "Bis Denver"

KN Premierenkritik von „Bis Denver“ (25. Mai 1998)


 

Herr Paul (1996)

von Tankred Dorst

paul

Herr Paul ein dicker, unendlich träger Mann haust mit seiner Schwester in den halbverfallenen Räumen einer ehemaligen Seifenfabrik. Er hat das Haus seit Jahren nicht verlassen und sieht auch keinen Grund, es noch jemals zu tun. Einzig ein geistig behindertes Mädchen besucht ihn gelegentlich.
In diese „Idylle“ bricht ein junger Mann namens Helm, der die Bruchbude geerbt hat, der investieren und viel Geld verdienen will. Doch vorher muss es den Herrn Paul aus den Räumen werfen. Ein Konflikt wie im Westen, hier ist nur Platz für einen. Die Ereignisse überschlagen sich nun in Rasanter Folge. Helms Freundin Lilo taucht auf und verhält sich völlig unerwartet. Der Investor Herr Schwarzbeck steht dann auch noch im falschen Moment vor der Tür. Leidenschaften und geheime Wünsche brechen auf und die Situation treibt ihrem wahnsinnigen Höhepunkt entgegen. Doch dann kommt die unerwartete Wende.

Ankündigung